Tostedt hat kein Problem mit Nazis. Wir schon!

In dem Internetauftritt der Samtgemeinde Tostedt heißt es: „Tostedt bietet Lebensqualität“, weil es ein „attraktiver Wohn- und Geschäftsort“ sei. Diese Selbstdarstellung ist ein verbaler Schlag ins Gesicht für die zahlreichen Betroffenen rechter Gewalt in Tostedt und Umgebung.

Laut der Statistik „rechtsextreme Straftaten“ in Niedersachsen rangiert das kleine Örtchen an erster Stelle. Und das ist nur die offizielle Zahl – viele der faschistischen Übergriffe werden, im Wissen über die Untätigkeit der Polizei, gar nicht mehr zur Anzeige gebracht. Die Nazis treten in der Öffentlichkeit selbstbewusst in T-Shirts mit Aufdrucken, wie „Gladiator Germania“ oder „Nationaler Widerstand Tostedt“ auf, sind im Sport- oder Schützenverein aktiv und in der regionalen Wirtschaftslandschaft verankert. Wichtigster Anlaufpunkt für die örtliche Naziszene ist der Laden „Streetwear Tostedt“.

Diese Präsenz der Nazis bekommen besonders Jugendliche zu spüren, die sich nicht im Umfeld der Nazis bewegen und darüber hinaus das
Naziproblem auf die öffentliche Tagesordnung setzen. Sie erleben Bedrohungen und körperliche Angriffe als Begleiterscheinungen des Alltags: in der Schule, auf der Straße oder als sog. „Hausbesuche“. Am Wochenende gilt Tostedt als No-Go-Area für nicht-rechte Jugendliche.

Der bisherige Höhepunkt in der langen Liste rechter Gewalt lässt sich datieren: In der Nacht des 23. Mai 2010 versuchte ein Dutzend Nazis die Wohnung eines nicht-rechten Jugendlichen zu stürmen. Mehrere Menschen wurden dabei schwer verletzt. Als Waffen setzten die Nazis Knüppel und Schaufeln ein, wobei Schwerverletzte bzw. Tote in Kauf genommen wurden. Statt eines öffentlichen Aufschreis und Einschreitens der Zivilgesellschaft und Bürger Tostedts wird auf ganzer Linie geschwiegen und verharmlost: Von der Polizei werden die Vorfälle als Rivalitäten unter Jugendlichen heruntergespielt. Ein politischer Hintergrund wird geleugnet. Die regionale Presse übernimmt diese Darstellungen ohne sie zu hinterfragen. „Schuldige“ werden dennoch benannt: ausgerechnet jene Jugendlichen, die sich gegen rechte Strukturen wehren und diese skandalisieren. Diese werden als „Störer und Nestbeschmutzer“ an den Pranger gestellt. Selbst das „Bündnis für Zivilcourage“ folgt dieser kruden Logik und verweigert sich einer öffentlichen Solidarisierung mit den Betroffenen. Im Gegenteil: Das Bündnis reproduziert sogar einen Extremismusbegriff, der Neofaschismus und Antifaschismus als zwei Seiten einer Medaille erklärt. Betroffene rechter Gewalt werden so von vorne herein kriminalisiert.

Das Naziproblem in Tostedt ist weder neu noch vom Himmel gefallen, sondern ganz klar hausgemacht. Bis Mitte der 90er Jahre gab es eine breite alternative antifaschistische Jugendkultur, welche im Zuge der Auseinandersetzungen mit der bundesweit erstarkenden Naziszene von staatlicher Seite zurückgedrängt wurde: nichtrechte Jugendangebote im Jugendzentrum wurden unterbunden, der Jugendrat aufgelöst und antifaschistische Initiativen kriminalisiert. Stattdessen wurde ein Streetworkprojekt ins Leben gerufen, dass den Nazis Räume und finanzielle Mittel zur Verfügung stellte. Mit diesem fehlgeschlagenen Ansatz der „akzeptierenden Jugendarbeit“ wurde maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die Nazistrukturen in und um Tostedt langfristig etablieren konnten.

Heute gibt es eine vielfältige Naziszene, welche für die jüngsten Angriffe und Bedrohungen verantwortlich ist. Dabei zeigt die breitgefächerte Altersstruktur der Neonaziszene, dass es an jugendlichem Nachwuchs nicht mangelt.

Die Kampagne „Landfriedensbruch“ will in dieses Klima des Verharmlosens und Wegschauens eingreifen.

Wir fordern:
- Schließung des Ladens „Streetwear Tostedt“ – Nazistrukturen auflösen!
- Solidarität mit den Betroffenen rechter Gewalt!
- Freiräume für nicht-rechte Jugendliche und Antifaschistische
Jugendkultur stärken!

Tostedt hat kein Problem mit Nazis. Wir schon.

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